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TITELSTORY

aus Heft Nr. 3 / 1999


Mit "alter" Hi8-Cassette:
DIGITAL 8 - Alles zur Technik dahinter

Video8 und Hi8 sind erfolgreich, weil Cassetten und Camcorder relativ billig sind. Einzig: Die Qualität könnte noch besser sein. Bei Digital Video reicht die Qualität von Bild und Ton an das heran, was man unter Sendequalität versteht. Einzig: Camcorder und Cassetten sind relativ teuer und alte Aufnahmen kann man damit nicht mehr verwenden. - Also: Wie schön muss eine Kombination von beidem sein: Hi8 Cassettenformat mit Digital Video-Aufzeichnung. Also ganz einfach. Die Entwickler bei Sony haben sich also hingesetzt, ein bisschen gerechnet, geschraubt und gelötet. Und jetzt gibt es Digital8 als neues Videoformat. So einfach wird es wohl nicht gewesen sein, aber Sony ist es gelungen Digital8 geheim zu halten, bis jetzt schon fünf Camcorder-Modelle regelrecht nur auf ihre Auslieferung warten. - "praktiker" hat sich die Technik hinter Digital8 genau angeschaut und erläutert sie ausführlich. Damit Sie gleich vom Start weg wissen, was es damit auf sich hat.


Digital8 ganz grob in wenigen Stichworten:

Für wen Digital8

Digital8 ist für jene gedacht, denen der günstigere Preis von Hi8 zusagt, die aber bessere Qualität suchen und der keinen Wert auf einen Kleinst-Camcorder legen. Camcorder-Miniaturen wie bei DV ließe allein die im Vergleich dazu bedeutend größere Cassette nicht zu.

Die ersten Modelle

Gleich mit fünf Modellen startet Sony als Entwickler des Systems - weshalb man sich auch gegenüber Lizenznehmern einen halbjährigen Vorsprung vorbehalten hat - in den D8-Frühling.

Dabei handelt es sich durchwegs um Camcorder im klassischen Familienfilmer-Format. Nicht zu klein, damit alle in der Familie damit filmen können. Und nicht zu groß, sodass sie noch gut in die Wochendende-Tasche passen bzw. leicht umgehängt werden können. Also so, wie die bekannten Typen im Hi8-Format.

Automatische Erkennung

D8-Camcorder erlauben auch die Wiedergabe von analogen Aufnahmen nach Video8 oder Hi8. Das ist insofern interessant, weil man damit seine alten Aufnahmen nach wie vor über seinen Camcorder abspielen kann.

Genauso ist es interessant, auf diesen doch in der Anwendung recht simplen Weg auch seine analogen Videos als Digital Video Signal zu erhalten. So könnte man sie beispielweise archivieren oder auch ohne weitere Qualitätsverluste nachbearbeiten.

Die Erkennung des Analog-Signals dauert einige Sekunden. Freilich ist es möglich, auf einer Cassette Digital- und Analog-Aufnahmen abwechselnd zu haben. Sehr lustig anzuschauen ist das dann nicht, weil vor jedem Formatwechsel eine kleine Pause erforderlich ist.

Sobald der Camcorder bei der Wiedergabe auf ein Signal stößt, das dem aktuellen Modus nicht entspricht, analysiert er zuerst einmal, um welches andere Signal es sich handelt. Und dann schaltet er auch die Steuerung und Bandgeschwindigkeit entsprechend um.

Mischaufnahmen von verschiedenen Systemen auf einer Cassette werden wohl in der Praxis kaum vorkommen. Wegen dieser automatischen Formaterkennung ist es nicht erforderlich, den Modus händisch umzuschalten.

Was sich ändert

Für den Anwender ändert sich durch Digital8 im Prinzip nicht mehr als bei einem seinerzeitigen Umstieg von Video8 auf Hi8. Die Cassetten sind dieselben, die Bedienung der Camcorder ist dieselbe geblieben.

Die Bildqualität ist deutlich besser, es gibt einige zusätzliche Funktionen und freilich sind auch alle bisher schon vertrauten Funktionen genauso weiterentwickelt worden.

So hat sich beispielsweise bei der Handhabung der Akkus mit den Stamina-Akkus schon vor einiger Zeit gewaltiges getan. Laser-Link, womit die drahtlose Übertragung des A/V-Signals zum Fernsehgerät oder Videorecorder erfolgt, erspart die Handhabung mit Kabeln. Sowohl die Stamina-Technologie als auch "Laser-Link" beziehen sich freilich nur auf die derzeit - bzw. bald - erhältlichen Camcorder von Sony.

Andere Hersteller, die voraussichtlich ab Herbst Digital8-Camcorder anbieten werden, werden freilich genauso ihre aktuelle Technik weiterentwickelt und um zusätzliche Funktionen erweitert haben.

Wie Digital Video

Das Datenformat, in dem die Videos auf das Band gespeichert werden, entspricht jenem von Digital Video. Die Speicherung auf dem Band - es ist in erster Linie breiter und hat andere Eigenschaften - folgt einer anderen Logik, was aber lediglich für die Konstrukteure der Bandlaufwerke von Bedeutung ist. Am Ausgang liegt dasselbe Digital Video-Signal an wie bei Geräten mit der kleinen Digital Video Cassette.

Digital8-Camcorder können daher genauso wie ihre DV-Vorbilder mit i.Link (IEEE 1394) als Digital-Schnittstelle zu anderen DV-Geräten oder Computer ausgestattet sein. Die vorläufig bekannten Modelle sind alle mit i.Link ausgestattet.

Die Bild- und Tonqualität bei Digital8 ist exakt dieselbe wie bei Digital Video.

Nicht unbedingt beklagenswert ist, dass es bei Digital8 keinen Longplay-Modus gibt. Die Bänder sind im Vergleich zu DV sowieso schon sehr billig. Wer den großen Sparefroh heraushängen lassen will, sollte noch billigere Video8-Bänder wählen.

Kein Audio Dubbing

Die einzige Konzession, die an Digital8 gemacht werden musste, ist, dass es keine Möglichkeit zur Nachvertonung auf dem Band gibt. Zumindest derzeit nicht bei den Camcordern. Möglich wird das vielleicht bei künftigen Standgeräten sein. Der Grund dafür liegt in der kräftigeren Beschichtung des Hi8-Bandmaterials.

Bei Digital Video funktioniert die Nachvertonung so, dass die vorhandene Tonspur einfach überschrieben wird. Wegen der stärkeren Beschichtung bei Hi8-Bändern, müsste für Digital8 jeweils vorher gelöscht werden.

In der Praxis müsste daher die Nachvertonung mit fliegenden Löschköpfen passieren. Für das Löschen ist es schwierig, die extrem schmalen Spuren für Löschen und Schreiben hinsichtlich Lage und Timing verlässlich zu treffen. Technisch möglich wäre es freilich. Der Aufwand dafür wäre allerdings exorbitant hoch. Digital8 soll aber ein billiges Digital Video System sein und nicht aufwendiger als DV.

Man sollte aber die Kirche im Dorf lassen: Audio Dubbing hat sich mit den - inzwischen schon sehr billigen - Nachbearbeitungsmöglichkeiten über Computer eigentlich überholt. Audio Dubbing war bedeutend vor allem bei Analog-Video, wo mit jeder Überspielung auf ein anderes Band (Generation) ein starker Qualitätsverlust verbunden war. Dieses Problem gibt es ja bei Digital Video nicht.

Bandmaterial bestimmt Qualität

So wie bei jeder Datenspeicherung - genauso freilich bei analogen Signalen - hängt die Qualität sehr maßgeblich vom Trägermedium ab. In diesem Fall also von der Qualität des Bandmaterials. Bei Digitalen Systemen geht es darum, dass möglichst alle 0/1-Informationen gespeichert und nachher ausgelesen werden können. Fehlen Daten, so wird "gedichtet", also interpoliert.

Unvollständige Daten bedeuten in jedem Fall eine geringere Auflösung. Geringere Detailtreue sowohl bei Audio als auch bei Video. Bei Video macht sich das in "Würfeln" bei der Wiedergabe bemerkbar, bei Audio gehen einfach Details verloren, was man - wenn man das Originalsignal nicht kennt - nicht so leicht bemerkt.

Die Beschichtung des Bandmaterials kann mehr oder weniger grob bzw. feinkörnig sein. Je kleiner die einzelnen Metallpartikel, desto näher nebeneinander können unterschiedliche Informationen gespeichert werden. Bei digitalen Informationen geht es um 1 oder 0. Digitale Signale an sich sind ja sehr primitiv. Das Problem ist nur, dass definierte Zustände - magnetisiert oder nicht - in sehr hoher Dichte gespeichert werden müssen.

Größere Korngröße beim Trägermaterial hat in der Praxis denselben Effekt, wie wenn das Band langsamer laufen würde.

Für Digital8 können wahlweise auch normale Video8-Cassetten verwendet werden. Dass dies möglich ist, ist ein gewaltiger Vorteil für Reisen. In einigen Ländern sind Video8-Cassetten leichter erhältlich und somit hat man damit eine Notlösung. Mehr sollte es aber nicht sein. In der Regel sollten Hi8-Bänder verwendet werden, damit die optimale Qualität genutzt werden kann.

500 Linien horizontal

Digital Video - und daher auch Digital8 - bietet eine horizontale Detailauflösung von 500 Linien. Rein rechnerisch ist das eine um 25% höhere Auflösung als bei Hi8. Hi8 ist ja schon nicht schlecht, also bedeutet Digital Video schon Sendequalität. Digital Video wird tatsächlich von Fernsehstationen intensiv eingesetzt. Speziell für Reportagen, wo große Kameraausrüstungen oft hinderlich sind.

Die bemerkenswerte Verbesserung beim Umstieg von Hi8 auf Digital8 liegt letztlich einerseits in der bedeutend höheren Bildqualität und andererseits darin, dass es bei Kopien praktisch keine Verluste gibt. Es gibt Verluste bei DV, diese sind aber so geringfügig, dass erst nach mehreren Generationen (Kopien von der Kopie) - und dann aber kaum - etwas festzustellen ist.

Das ist also kein Vergleich zu den schauderhaften Ergebnissen, die man mit mehreren Generationen bei analogen Consumer-Videosystemen erhalten hat.

Durch die inzwischen sehr billig gewordenen, exzellenten Nachbearbeitungsmöglichkeiten über Computer sind allerdings auch bei analogem Video heute die Verluste bei der Nachbearbeitung bedeutend geringer geworden.

Kürzere Spieldauer

Wie auch unserer Systemvergleich-Tabelle zu entnehmen (im Heft), ist die Spurbreite von Digital8 bedeutend schmäler als bei Hi8 und erst recht bei Video8.

Um die bedeutend höhere Signaldichte von Digital8 gegenüber Hi8 unterbringen zu können, ist eine höhere Aufzeichnungsgeschwindigkeit erforderlich. Diese wird durch die geringere Spurbreite und zusätzlich durch einen schnelleren Bandtransport erzielt.

Das bedeutet, dass sich die Aufzeichnungsdauer auf einer Cassette gegenüber Hi8 oder Video8 um ein Drittel verkürzt. Beispielsweise eine Hi8-Cassette für 90 Minuten kann mit Digital8 60 Minuten lang bespielt werden. Mit den längsten 120-Minuten-Cassetten ist bei Digital8 daher eine maximale Aufzeichnungsdauer von 80 Minuten pro Cassette erzielbar.

Die Digital8-Camcorder

Sony hat Digital8 entwickelt und hat sich daher das Exklusivrecht darauf für das erste halbe Jahr gegenüber anderen Herstellern vorbehalten. Von anderen Herstellern könnten also ab Herbst Digital8-Modelle erwartet werden. Es ist anzunehmen, dass alle bedeutenderen Hersteller, die bisher Hi8-Modelle angeboten hatten, den Schritt zu Digital8 machen werden.

Einer der Aspekte von Digital8 ist auch der günstigere Preis. Sowohl für den Camcorder selbst als auch für die Cassetten. Hi8-Cassetten kosten rund die Hälfte von DV-Cassetten. Sowohl das eine wie das andere ist speziell für den Alltagsfilmer interessant.

Noch im März sollen fünf Digital8-Modelle von Sony in den Handel kommen. Die Spanne bewegt sich dabei zwischen rund 12.500 ATS / 908,41 EUR (EUR-Umrechnung) bis zum Top-Modell um knapp 19.000 ATS / 1380,78 EUR. Die Camcorder sind alle mit Night-Shot (Filmen mit Infrarotlicht im Dunkeln), Stamina-Akkus, i.Link (IEEE 1394), 20fach-Zoom (digital 80fach) mit einer Brennweite entsprechend 46 bis 920mm (digital 3680mm) bei Kleinbild-Foto etc. und einige mit ausklappbarem Monitor ausgestattet. Das Top-Modell hat zusätzlich eine RS-232-Schnittstelle zur Übertragung von Standbildern auf PCs und kann auf einem Chipspeicher Standbilder speichern.

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"praktiker" meint:

Digital8

Eine hervorragende Kombination der hochwertigen Digital Video Technologie als Fortsetzung der 8-mm-Systeme mit denselben Cassetten und der Möglichkeit mit den Camcordern die alten Video8- und Hi8-Aufnahmen abspielen zu können. Daraus resultieren geringere Kosten beim Camcorder selbst und auch beim Bandmaterial. Besonderer Nebeneffekt ist, dass man mit den Camcordern sehr einfach seine analogen Aufnahmen über den Digitalausgang i.Link digitalisiert ausgeben und daher ohne nennenswertem Qualitätsverlust weiterbearbeiten bzw. dauerhafter archivieren kann. Die perfekte Lösung für alle jene, die bei vergleichbarem Preisniveau nach Hi8 eine Qualitätsstufe höher steigen wollen, ohne die Brücken zu Video8 / Hi8 abzubrechen.


Anmerkung: Die auf dieser Seite angegebenen Umrechnungen von ATS in EUR sind in der Original-Veröffentlichung freilich nicht enthalten. Sie wurden hier zur Orientierung nachträglich eingefügt. Sie basieren auf dem Umrechnungskurs zum Zeitpunkt der Währungs-Umstellung von Schilling auf Euro im Jahr 2002.

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