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TITELSTORY

aus Heft Nr. 11 / 1996


Transistor-Oldie restaurieren:
Grundig Satellit 210 "Transistor 6001"

Im Zeitalter immer rascherer Innovationszyklen der Unterhaltungselektronik, deren Massenproduktion heute im Wesentlichen Industrierobotern und Bestückungsautomaten vorbehalten bleibt, kommt zunehmend der Wunsch auf, wieder ein Gerät sein Eigen nennen zu können, dessen Herstellung ganz augenscheinlich viele Fachleute beschäftigt und aus heutiger Sicht automatisierte Produktionsstraßen arbeitslos machen würde. Oder - als kurzer Satz: Oldie-Elektronik mit Charakter und Stil findet immer mehr Liebhaber. Doch woher nehmen? Bis auf ganz seltene Glücksfälle wird man auf Flohmärkten oder "Omas Dachboden" zumeist abgewirtschaftete, auf vielfältigste Weise ruinierte Exemplare finden. Will man ein solches Gerät in Reparatur geben, winken die Herren Techniker dankend ab, weil unbezahlbar. Also: Selbst ist der Mann - vor allem der, der einen Oldie wieder möglichst in den Zustand neuwertig versetzen möchte. Als Beispiel für eine Restaurierung hat unser Messtechnik-Profi Dipl.-Ing. Christian Rockrohr den Grundig Satellit 210 "Transistor 6001" von 1968 ausgesucht.


[BILD] Grundig Satellit 210 Transistor 6001 Der Grundig Satellit 210 "Transistor 6001" ist nicht nur ein Klassiker der Weltempfängerszene, sondern beeindruckt durch eine seltene Kombination von Abmessungen, Design, aufwendiger Gehäuseverarbeitung, Empfangsleistung und vor allem Wiedergabequalität. Ein Gerät für Herz, Augen und Ohren gewissermaßen. Obwohl davon an die 60.000 hergestellt wurden - 30.000 davon gingen in die skandinavischen Länder - sind sie heute schwer aufzutreiben.

Und wenn doch, dann in einem Zustand, der einem die Tränen in die Augen treibt. Geräte wie der Satellit 210 oder auch 208 und 205 scheinen die letzten zwei Jahrzehnte ihres Lebens überwiegend als Dudelhintergrund im Malerhandwerk gefristet zu haben, denn alle bisher vom Verfasser restaurierten Geräte waren über und über mit Dispersions- und anderen Farben "dekoriert".

Thema Nummer eins: Zerlegen

Wir haben nun (siehe Kasten "Nie ohne Batterien zum Flohmarkt") unser Traumgerät - in unserem Beispiel einen Satellit 210 - erworben.

Als erster Schritt werden die Teleskopantenne, die frontseitigen drei Drehknöpfe und der rechtsseitige Drehknopf plus Knebelschaltknopf entfernt. Dann werden das Chassis, Batteriekasten und Lautsprecher aus dem Gehäuse ausgebaut und anschließend die große schwarze Plastikblende (für Drucktasten und die vier Rändelrädchen) vom Chassis abmontiert. Dabei löst sich auch der Tragegriff - samt seitlichen Chromteilen - ganz von selbst.

Die Anschlüsse für den Lautsprecherumschalter, den Antennentrimmer und die Kopfhörerbuchse löten wir ab, freilich nicht ohne vorher eine Skizze mit Farben und Lage der Drähte angefertigt zu haben.

Nun kann man ohne Rücksicht auf empfindliche Elektronik dem Gehäuse zu Leibe rücken. Ist die Lautsprecher-Lochblende noch recht unverkratzt bzw. genügt sie unseren ästhetischen Ansprüchen, dann haben wir noch einmal Glück gehabt.

Andernfalls heißt es: Sämtliche Chromzierleisten der Gerätefront entfernen - sie sind angeklebt und zugleich durch nach hinten umgebogene Drähte fixiert. Von innen wird das Lautsprecherbrett samt Lochblende durch verschweißte Plastikstöpsel gehalten, die abgezwickt werden müssen (Wiederbefestigung durch erneutes Verschweißen mit dem Lötkolben).

Nun wird die Lochblende samt Plastikunterteil vom Gehäuse abgezogen. Dies erfordert unter Umständen sowohl Kraft wie auch Geschicklichkeit, da dieser Teil gegen Klirr- und Dröhneffekte mit etwas Sprühkleber auf dem Gehäuse befestigt wurde.

Das Gleiche gilt übrigens auch für die Trennung von Lochblende und Plastikunterlage. Zuvor wird das verchromte Grundig-Emblem, das von drei Biegedrähten gehalten wird, entfernt.

Übrigens: Der Lautsprecher mit seinem integriertem Hochtöner muss nicht ausgebaut werden; er kann im Gehäuse verbleiben. Es sei denn, er entwickelt schnarrende Geräusche und tut damit kund, dass seine Schwingspule gestaucht ist oder sich Schmutz im Luftspalt zwischen Schwingspule und Magnet befindet. In diesem Fall muss er leider raus und gegen ein funktionierendes Exemplar getauscht werden.

Schleifen oder nicht schleifen

Bei der Lochblenden-Bearbeitung ist zu beachten, dass die Blende im Werk ein kreisförmiges Schleifmuster erhielt, bevor sie mit Klarlack behandelt wurde. Man kann nun nicht einfach zu Schleifpapier, Alu- oder Klarlack greifen, denn ohne dieses Schleifmuster sieht das beachtlich große Lochblech öd aus.

Daher: Entweder selbst einen Kreisschliff anbringen und dann mit Zweikomponenten-Klarlack versiegeln (ohne die winzigen Löcher zu verstopfen, das sieht nach der Endmontage fatal aus!), oder die allfälligen Kratzer mit - aus etwas größerer Entfernung gesprühtem - Zweikomponenten-Klarlack egalisieren. Das kurze Sprühen aus größerer Entfernung bewirkt, dass der Lack schon etwas "getrockneter" ankommt und eine Struktur auf der Oberfläche erzeugt. Diese Struktur egalisiert sehr oft Kratzer, die ja vor allem durch Lichtreflexe wirken. Also: Ausprobieren lohnt sich.

Bevor die Lautsprecher-Lochblende wieder eingebaut wird, bringen wir die Kunstlederbespannung des Gehäuses auf Vordermann. Dazu verwenden wir diverse alte Zahnbürsten und einen flüssigen Kunststoffreiniger, der aus Seifenlauge mit einem winzigen Schuss Alkohol besteht (gibt es fertig zu kaufen, beispielsweise von Burnus).

Je nach Sorgfalt und Ausdauer wird das Gehäuse problemlos wieder in altem Glanz erstrahlen. Und da sowohl Werkzeug (Zahnbürsten) und Reinigungsmittel gerade zur Hand sind, reinigen wir auch gleich sämtliche Drehknöpfe durch beherztes Bürsten quer zum Knopf, um den tief in den Rillen sitzenden Schmutz der letzten Jahrzehnte zu entfernen. Notfalls muss mit einem Zahnstocher Vorarbeit geleistet werden. Vorsicht beim Senderabstimmknopf: die Leichtmetallblende verbiegt sich "schon beim bloßen Hinschauen".

Plexiglas polieren

Jetzt steht die Bearbeitung der Plexiglasskala auf dem Programm. Dazu nehmen wir zunächst eine sehr feine Polierpaste, mit der üblicherweise Metall- und Chromteile am Auto bearbeitet werden (Auto-Wenol o.Ä..).

Mit einem sauberen Baumwoll-Lappen polieren wir nun die Skala mit kleinen, kreisenden Bewegungen, bis sie unseren Erwartungen hinsichtlich Abnützungsfreiheit entspricht. Anschließend greifen wir zu einer milden, feinen Lackpolitur - ebenfalls aus der Autoabteilung - und geben damit der Skala jenen Glanz zurück, der schon früher fasziniert hat.

Nun wird die Lautsprecherblende mit ganz wenig Sprühkleber, der auf die Plastikunterlage gesprüht wird - und nicht etwa auf die Rückseite der Blende! -, auf die Plastikblende geklebt und das Ganze wiederum mit wenig Sprühkleber auf das Gehäuse geklebt.

Anschließend müssen die zuvor am Ende abgezwickten Plastikstöpsel per Lötkolben wieder mit dem Gehäuse verschweißt werden. Natürlich muss der Lötkolben danach gereinigt werden. Das soweit wieder hergestellte Gehäuse stellen wir auf die Seite und wenden uns der Drucktasten-Abdeckung und dem Tragegriff zu.

Beschriftungen

Die Drucktastenblende ist weiß beschriftet, und das bedeutet für uns, dass unsere Reinigungsversuche zu einer sehr sauberen, aber nunmehr beschriftungsfreien Blende führen können.

Bei geringer Verschmutzung bewähren sich feuchte Reinigungstücher, wie sie in der Elektronik- und PC-Branche zur Reinigung von Kunststoff-Oberflächen verwendet werden; beispielsweise von Siemens. Notfalls reichen auch feuchte Brillenputztücher, wenn um die Beschriftung ein kleiner Bogen gemacht wird.

Aus den Rillen der Blende wird der Schmutz vorsichtig mit Zahnbürste und Seifenlauge oder Zahnstocher mit übergestülptem Feuchtreinigungstuch entfernt.

Was den schwarz lackierten Tragegriff betrifft, so muss bei dessen Überarbeitung bedacht werden, dass er an der Unterseite beschriftet ist. Bei umgelegtem Griff kann man nämlich schon von vorne sehen, welche Funktion die Drucktasten haben und muss dazu nicht immer aufstehen und auf das Gerät sehen.

Dieser nette Gag stellt den Restaurator vor allem dann vor Probleme, wenn der Traggriff arg beschädigt ist. Lösungen sind eine Teillackierung (mit Ausnahme der Unterseite) oder ein Ausbessern mit Lupenbrille und Zahnstocher. Letztere dieser beiden Möglichkeiten führt bei genügend Geschick und Geduld zu ganz erstaunlichen Ergebnissen.

Relativ wenig Probleme bereitet das Polieren der beiden verchromten Seitenteile des Tragegriffs. Auch das Überarbeiten des Batteriefachs ist eine einfache Übung, sofern es nicht zu sehr korrodiert ist und die Metallteile ausgetauscht werden müssen.

Sollte das dennoch notwendig werden, wird aus dem Elektronik-Geschäft ein billiger Batteriehalter für zwei Monozellen beschafft und seiner zwei Minus-Spiralfedern und Plus-Bleche beraubt. Die anschließende Transplantation in das Satellit-210-Batteriefach sollte dann fast von selbst vor sich gehen. Nach dieser Arbeit wird das Batteriefach wieder eingebaut. - Das Gehäuse ist dann fertig bearbeitet.

Nun zum Chassis

Nun wenden wir uns dem Chassis zu, das wir zwecks besserem Handling und zur Schonung der Klangreglerplatine wieder mit der Drucktastenblende versehen.

Zuvor werden die Kontakte des Lautsprecherumschalters mit Kontaktspray und Wattestäbchen sowie die Rändelrädchen (Lautstärke/Ton/Antennentrimmer) mit Zahnbürste und Kunststoffreiniger gereinigt. Die Skalen des KW-Trommeltuners dürften mit einem zarten, grauen Belag versehen sein, den wir mit Feucht-Reinigungstüchern entfernen; für jedes Segment ein neues.

Die Skalenunterlage der Hauptskala reinigen wir genauso. Weiters gehen wir davon aus, dass die Skalenzüge in Ordnung sind. Falls nicht, hilft nur 1,5m Skalenseil und der Seilzugplan. Zur Reinigung der Goldkontakte des KW-Trommeltuners sollte genügend Zeit vorhanden sein.

Mit Wattestäbchen und Kontaktspray bearbeiten wir Kontakt für Kontakt und am Schluss die Kontaktfedern selbst. Hatten wir beim ersten Funktionstest das Gefühl, dass die übrigen Wellenbereiche - vor allem LW, MW und KW1 - entweder nicht oder nur schlecht funktionierten, dann wird auch das große Drucktastenaggregat gereinigt.

Dazu werden die Drucktasten einzeln und der Reihe nach herausgenommen, indem man den Rückhaltemechanismus etwas "überlistet" und die Schaltstange nach oben herausnimmt. Dabei muss man sehr vorsichtig sein, denn allzu leicht können die gefederten kleinen Schaltkontakte aus der Schaltstange herausfallen.

Nun verhelfen wir besagten Schaltkontakten unter der Lupenbrille mit Wattestäbchen und Kontaktspray zu altem Glanz und bauen die Schaltstange sofort wieder ein. Sollte ein Abgleich einzelner Wellenbereiche notwendig sein, dann muss der eingangs angesprochene Freund bemüht werden. Keinesfalls kommt eine "Lösung" wie Skalenzeiger verschieben" (o.Ä.). zur Korrektur einer Ablage gegenüber der Frequenzmarkierung auf der Skala in Betracht.

Ein kompletter Abgleich schadet nie, wenn das gute Stück nicht nur schön, sondern auch empfindlich sein soll. Zum Abgleich sollte das Chassis noch nicht ins Gehäuse eingebaut sein, da man sonst nicht an alle Abgleichpunkte mehr herankommt - beispielsweise den ZF-Verstärker an der rechten Geräteseite.

Feinmechanisches Gustostückl: Teleskopantenne

Zu guter letzt fordert uns die Teleskopantenne heraus. Man kann sie a) bei Grundig bestellen - es gibt sie noch vom Satellit 650 mit kurzer Kappe, die Kappe lässt sich durch abschrauben dann gegen die alte lange wechseln - oder b) versuchen zu reparieren. Wer zuhause keine Schublade voller verschiedener Teleskopantennen und deren Bestandteile hat, der sollte den Ersatzteilservice von Grundig in Fürth bemühen, sofern in Wien kein Erfolg beschieden ist.

Der Inhaber besagter Teleskopantennen-Schublade in Fürth scheint Profi zu sein und wird wissen, dass der Elementeaustausch reine Nervensache ist. Den Rest des abgebrochenen Teils entfernt man aus der unteren Antennenhälfte, indem man ihn mit einer Zange "zusammenfaltet" und einfach herausnimmt. Vom oberen Antennenteil geht das abgebrochene Element ganz von selbst ab, wenn die Bronzehalterungen vom nächsten Element abgenommen wurden. Nun braucht man ein passendes intaktes Element aus der "Sammlung", schiebt es über den oberen Antennenteil und bringt die Bronzesicherung wieder am nächsten Element an. Nun wird mit sehr viel Fingerspitzengefühl das verbliebene dünnste Element oben an seinem nach innen gebördelten Rand sorgfältig und gleichmäßig etwas geweitet, bis der obere Antennenteil mit seinem Tauschelement (und montierter Bronzesicherung!) zwar streng, aber mit der nötigen Kraft eingeschoben werden kann.

Anschließend wird die geweitete Bördelung wieder in den Originalzustand gebracht, indem sie mit einem feinen Hämmerchen und einem Hartholzstückchen als Zwischenpuffer von oben (!) so weit wie nötig zugeklopft wird. Das hört sich alles sehr leicht an, ist aber ein feinmechanischer Kraftakt. Abschließend werden die Elemente mit MO oder ähnlichen gleitmittelhaltigen Schmiermitteln behandelt und die Antenne mehrmals auseinander gezogen und wieder zusammengeschoben.

Nach Einbau des Chassis ins Gehäuse wird zum Schluss die Teleskopantenne montiert. Und dann wird es höchste Zeit, sich an dem renovierten Pracht-Veteranen verdient zu erfreuen ...


FAKTEN ZUM THEMA:

Nie ohne Batterien zum Flohmarkt!

Der geübte Flohmarkt-Jäger hat immer einen Satz Batterien in der Tasche, um dem Wahrheitsgehalt des Verkäuferarguments "geht 100-prozentig" auf den Grund gehen zu können.

Dabei geht es nicht so sehr um eine etwaige Reparatur eines defekten Innenlebens, sondern ausschließlich um eine korrekte Preisfindung. Während für funktionierende Exemplare Preise verlangt werden, deren oberes Ende auf der Skala unlimitiert zu sein scheint - je nach augenscheinlichem Interesse des Käufers - so sinkt der Preis dramatisch im Falle eines Defekts. Bei dieser Gelegenheit kann man auch gleich den Zustand des Batteriefachs hinsichtlich Korrosion durch ausgelaufene Batterien überprüfen.

Übrigens: tut das Gerät überhaupt keinen Mucks, ist das eher als gutes Zeichen zu bewerten als wenn undefinierbare und scheußliche Geräusche produziert werden. Oft ist im integrierten Netzteil eine Sicherung defekt, nach deren Austausch das Gerät voll loslegt, oder der interne Umschalter Netz/Batterie steht falsch, ist korrodiert etc.

Vor dem Ankauf gilt es also, die eigenen Restaurierungsfähigkeiten objektiv zu bewerten:


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