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TITELSTORY

aus Heft Nr. 12 / 1995


Die neue Eurocheque-Karte:
Bargeld aus dem Chip

Bargeld wird elektronisch. Ende vorigen Jahres wurde in Eisenstadt, Burgenland der weltweit erste Feldversuch mit der Elektronischen Geldbörse gestartet: In einen Chip auf einer Karte - wie bei Kreditkarten oder Telefonwertkarten im Ausland - können bis zu 1999 Schilling vom eigenen Bankkonto "geladen" werden. Damit wird dann in mit entsprechenden Terminals ausgestatteten Geschäften bezahlt. Vorteil: Keine Eingabe von Codes, daher auch schnelle Abwicklung. Als weltweit erstes Land werden in Österreich ab kommendem Frühling alle Eurocheque- bzw. Bankomatkarten mit der Funktion Elektronische Geldbörse ausgestattet sein. "praktiker" hat mit den kompetenten Leuten darüber gesprochen und berichtet.


Die ersten drei Fragen, die sich im Zusammenhang mit der elektronischen Geldbörse dem Praktiker stellen, der sich ein bisschen für Geldverkehr interessiert sind:

Wird elektronisches Geld zum Zahlungsmittel, wenn ja, dann würde damit der "Bargeld"-Umlauf erhöht, was theoretisch einem unkontrollierten Drucken von Banknoten gleichkäme. Gerade dieses Thema wurde bisher von keiner - auch von keiner Wirtschaftszeitschrift - aufgegriffen. "praktiker" beantwortet dies.

Zweite Frage: Worin liegt der Vorteil gegenüber der bisherigen Bankomatfunktion, die bisher ja auch zum Bezahlen im Handel genutzt werden konnte?

Dritte Frage: Was passiert, wenn das auf der Elektronischen Geldbörse gespeicherte Guthaben durch einen Defekt plötzlich nicht mehr lesbar sein sollte?

Feldversuch in Eisenstadt

Als weltweit erste haben insgesamt 12.000 Bankkunden in Eisenstadt die Elektronische Geldbörse im Rahmen eines Feldversuchs bisher nun ein Jahr lang ausprobiert. Bei 60 Händlern stehen dafür 130 Terminals, mit denen aus der Elektronischen Geldbörse bezahlt werden kann.

Die Elektronische Geldbörse ist die neue Ausführung der bekannten Eurocheque-Karte mit allen bisherigen Funktionen. Bankomat-Funktion ist erweitert und dazugekommen ist die Elektronische Geldbörse. Die Funktion Elektronische Geldbörse kann dort aber auch in Taxis und an Parkometern zum Bezahlen verwendet werden.

Aufgrund der in Eisenstadt gewonnenen Erfahrungen wird der Einsatz derzeit auf die Bereiche Bruck / Mur, Mödling, St. Pölten und Wiener Neustadt ausgeweitet werden. Ab kommendem Frühling beginnen die Geldinstitute in ganz Österreich, die neue mit Chip ausgestattete Variante der Eurocheque-Karte an ihre Kunden auszugeben.

Die Akteure

An der Entwicklung der Elektronik für die Elektronische Geldbörse hat Siemens Nixdorf maßgeblich mitgearbeitet. Für die Geld-Seite ist Europay Austria, die nun auch die bisherigen Agenden der GABE für die Bankomat-Abwicklung übernommen hat, zuständig. Ein kräftiges Wort mitzureden an der Entwicklung des Systems hatte freilich auch die Österreichische Nationalbank.

Wer die Chips für die Karten letztlich herstellen wird, ist nach aktuellen Informationen noch nicht fixiert. Unter den Favoriten dürften momentan Siemens und Philips sein. Die Händler-Terminals für den Betrieb bei den Pilotprojekten kommen allesamt von Siemens Nixdorf.

Elektronischer Zahlungsverkehr

Banknoten bzw. Bargeld allgemein stellt im Prinzip den Gegenwert für einen reellen Wert da; beispielsweise den in der Nationalbank lagernden Goldschatz. Das Verhältnis des wahren Werts dieses Schatzes und der Menge des im Umlauf befindlichen Bargelds bestimmt den Wert der Währung. Wenn also zusätzliche Banknoten gedruckt werden, führt dies zu einer Inflation.

Nicht alles Bargeld, das sich im Umlauf befindet, ist auch als Banknote vorhanden. Ein Teil davon ist nur elektronisch vorhanden. Ein plastisches Beispiel: Es wird Geld aus dem Ausland in Dollar auf das Konto des Bankkunden A überwiesen. A bezahlt mit einem Teil dieses Betrags per Banküberweisung auf das Konto des Kunden B etc. Das Geld ist also im Umlauf, es ist vorhanden, es wird damit bezahlt. Aber es ist als Banknote nicht vorhanden, da es ursprünglich nicht bar eingezahlt wurde.

Eine der wesentlichen Aufgaben der Nationalbank ist es, diese nur elektronisch auf Bankkonten vorhandenen umlaufenden Geldsummen jeweils mit den Banken abzugleichen. Sind also beispielsweise 1000 Schilling auf einem Konto, für die das jeweilige Bankinstitut keine 1000-Schilling-Banknote hat, dann müssen von der Nationalbank Banknoten über 1000 Schilling aus dem Bargeld-Umlauf genommen werden. Soweit grob das Prinzip bei der Abwicklung des elektronischen Zahlungsverkehrs, solange sich das Geld auf Bankkonten befindet.

Bankomat-Funktion

In einem ganz wesentlichen Punkt unterscheidet sich die Elektronische Geldbörse von der bekannten Bankomat-Funktion.

Beim Bezahlen mit der Bankomat-Karte in einem Geschäft, passiert im Prinzip nichts anderes, als dass eine Überweisung von einem Konto auf ein anderes Konto veranlasst wird. Dies geschieht durch die Bankomatkarte und die Eingabe eines quasi als Unterschrift geltenden Codes.

Dies bedeutet, dass der Geldumlauf - da das Geld jeweils entweder noch auf dem Konto des Kunden oder danach auf dem Konto des Händlers ist - kontrollierbar bleibt.

Da für das Bezahlen - also die Veranlassung einer Überweisung - freilich das Konto sowohl des Kunden als auch des Händlers bekannt sein muss, ist dieser Vorgang nicht anonym. Theoretisch wäre es also möglich, festzustellen, wer wann und wo wie viel Geld ausgibt. Und umgekehrt: Welche Kunden ein bestimmter Händler hat und wie viel jeder von diesen jeweils dort ausgibt.

Elektronische Geldbörse

Die Elektronische Geldbörse ermöglicht anonymes Bezahlen: Die Elektronische Geldbörse wird an einem Bankomat oder einem entsprechenden Terminal bei der eigenen Bank "aufgeladen". Beim Händler wird von diesem nur auf der Karte vorhandenen Guthaben bezahlt.

Bei der oberflächlichen Betrachtung schaut dies also so aus: Beispielsweise 1000 Schilling vom eigenen Konto werden abgebucht und auf die Karte "geladen". Damit ist das Geld im Prinzip nur noch auf der Karte vorhanden. Durch die Abbuchung vom Konto ist die umlaufende Geldsumme um 1000 Schilling kleiner geworden, weil letztlich keine Banknote für diese Abbuchung herausgegeben wurde. Das Geld ist also nur noch elektronisch und nur auf der Karte vorhanden.

Information als Ware

Direktionsrat Erwin Tischler von der Österreichischen Nationalbank: "Unter zahlreichen Möglichkeiten gab es in erster Linie zwei: Entweder man generiert eine elektronische Information auf der Karte, die einen Wert darstellt. Das funktioniert dann so, dass man einen Betrag vom Konto abbucht und dafür auf die Karte eine Information gespeichert bekommt. Diese Information repräsentiert einen Wert von beispielsweise 1000 Schilling. Der Kunde bezahlt also dann, indem er diese Ware, also die Information an Bargeld statt als Zahlungsmittel verwendet. Für diese Variante gibt es bisher keine Erfahrungen, sie war uns daher zu gefährlich. Sie macht sich dann gewissermaßen selbständig, weil sie dann auch weitergegeben werden könnte und nicht zwangsläufig wieder über ein Geldinstitut."

Ein Beispiel dafür: Der Kunde A hebt von seinem Bankkonto 1000 Schilling ab, hat dafür auf seiner Karte die Information gespeichert, die er als Zahlungsmittel verwenden kann. Kunde A bezahlt damit für einen Einkauf bei Händler B. Händler B hat nun diese Information (Ware) auf seiner Elektronischen Geldbörse gespeichert und kauft damit wiederum bei seinem Lieferanten C ein. Das Geld, das nunmehr nur als Elektronische Information von einer Karte zur anderen wandert, ist damit außerhalb der Kontrolle von Geldinstituten und daher auch der der Nationalbank.

Immer über ein Geldinstitut

Tischler: "Aus diesem Grund wurde letztlich folgende Variante gewählt, die sowohl den Zahlungsverkehr vereinfacht, die Anonymität wie bei Bargeld gewährleistet und auch volkswirtschaftlich neutral ist: Bankkunde A lädt von seinem Konto 1000 Schilling auf seine Elektronische Geldbörse. Vom Konto des Kunden A werden dadurch 1000 Schilling abgebucht und auf ein Schwebekonto gutgeschrieben. Die 1000 Schilling sind dadurch anonym geworden und gleichzeitig bleibt die Kontrolle darüber, wie viel auf Elektronischen Geldbörsen insgesamt vorhanden ist. Wenn der Kunde A dann mit seiner Elektronischen Geldbörse beim Händler B bezahlt, dann wird von dem Schwebekonto der bezahlte Betrag auf das Konto das Händlers B überwiesen. Der Geldbetrag kommt damit aus der Anonymität des Schwebekontos. Dadurch, dass die Geldbeträge immer nur über ein Geldinstitut bewegt werden können und nicht von einer Elektronischen Geldbörse zu einer anderen, bleibt diese Form der Abwicklung kontrollierbar."

Ein Schwebekonto ist in diesem Fall ein Sammelkonto aller Bewegungen über Elektronische Geldbörsen. Allgemein ist ein Schwebekonto ein Sammelkonto für Beträge, die bereits beim Absender abgebucht sind aber noch nicht beim Empfänger gutgebucht werden können oder sollen.

Da es in Österreich rund 2,5 Millionen Bankomatkarten gibt, die dann als Elektronische Geldbörse - da maximal 1999 Schilling - bis zu theoretisch 5 Milliarden Schilling gespeichert haben könnten, ist das durchaus eine ernst zu nehmende Größenordnung für die Währungshüter, die es erfordert, diese Zahlungsmethode unter Kontrolle halten zu können.

70 Schilling Geldbörsen-Umsatz

Dr. Peter Trcka, Europay Austria: "Das Problem der Bankomat-Kassen für den Handel ist in erster Linie die für kleinere Beträge zu umständliche und teure Abwicklung. Der durchschnittliche Geldbörsenumsatz - also die Bargeld-Bezahlung im Handel - liegt bei 70 Schilling. Eine Bankomatkassen-Buchung kostet rund 2 Schilling, allein die Leitungskosten für die Abwicklung im Online-Verkehr machen pro Transaktion rund 43 Groschen aus. Beispielsweise beim Verkauf in Trafiken muss der Zahlungsvorgang extrem rasch ablaufen können. Und außerdem: Wenn jemand eine Zeitung um 10 Schilling kauft und dafür die Zahlungsabwicklung fast 2,50 Schilling kostet, ist dies nicht interessant."

Mit dem Chip auf der Karte wurde nicht nur die Elektronische Geldbörse vereinfacht, sondern auch gleich die Bankomatkassen-Funktion verbessert. Dadurch, dass nun auf dem Chip auch Informationen über die Zahlungen per Bankomatkarte gespeichert werden können, müssen die Terminals im Handel nicht ständig online mit dem Rechenzentrum der Europay Austria verbunden sein.

Dr. Trcka: "Die neue Bankomatfunktion ermöglicht einen Offline-Online-Betrieb von Bankomatkassen im Handel. Aufgrund der Informationen im Chip auf der Karte, weiß die Bankomatkasse, wann das wöchentliche Limit des Karteninhabers erreicht ist. Aus Sicherheitsgründen ist es dann möglich, dass der jeweilige Händler seine Bankomatkasse so programmiert, dass beispielsweise bei Zahlungen von mehr als 5000 Schilling automatisch ein Online-Kontakt mit unserem Rechenzentrum hergestellt wird. Aber bei allen anderen Zahlungen erspart er sich die hohen Leitungskosten für den - wie derzeit üblich - ständigen Online-Kontakt."

Dennoch: Bei Bankomat wird jede Buchung einzeln vorgenommen. Jeweils vom Konto des Kunden zum Konto des Händlers.

Dr. Trcka: "Die Elektronische Geldbörse hat nun drei besondere Vorteile. Erstens ist die Zahlung anonym für den Kunden. Zweitens gibt es für den Händler praktisch nur eine Buchung für den gesamten - beispielsweise - Tagesumsatz, da jeweils nur eine Buchung vom jeweiligen Issuer zum Konto des Händlers vorgenommen wird. Und drittens ist der Zahlungsvorgang sehr rasch abzuwickeln, da kein Code eingegeben werden muss. Die Bankomat-Funktion wird dann weiterhin für größere Geldbeträge benötigt bzw. wenn das Guthaben in der Elektronischen Geldbörse zu niedrig ist."

Wenn etwas passiert

Eine Hauptfrage ist es auch, was dann passiert, wenn die Daten auf dem Chip plötzlich unlesbar werden und damit mit dem in der Elektronischen Geldbörse vorhandenen "Bargeld" nicht mehr bezahlt werden kann.

Dr. Trcka: "Im Feldversuch in Eisenstadt ist es bei 12.000 Kunden während eines Jahres insgesamt 13-mal passiert, dass eine Karte unlesbar geworden ist. Da wir freilich mit unseren Geräten mehr Möglichkeiten haben, Daten aus dem Chip auszulesen, war es in zwölf Fällen davon möglich, den gespeicherten Geldbetrag zu rekonstruieren. Nur in einem Fall war dies nicht möglich. Da das so extrem selten passiert, ersetzen wir dem Kunden dann einfach jenen Betrag, von dem er behauptet, dass dieser auf der Karte gespeichert war. Beim zweiten Mal wird schon ein bisschen intensiver nachgefragt. Und beim dritten Mal wird Strafanzeige gegen unbekannt erstattet, da dann schon der Verdacht einer Manipulation - nicht zwangsläufig durch den Karteninhaber selbst - besteht."

Da der Chip auf der Karte insgesamt 32 Transaktionen nach dem Prinzip First-in-first-out speichert, ist einerseits die Möglichkeit der Überwachung der jeweiligen Betrags-Limits als auch die Rekonstruktion von Vorgängen möglich.

Gespeichert bleiben die jeweils acht letzten Transaktionen von:

So gehts weiter

Im kommenden Frühling wird Österreich das erste Land der Welt sein, wo die Elektronische Geldbörse landesweit eingeführt wird. Beispielsweise in Deutschland beginnt man derzeit einen Pilotbetrieb in Regensburg.

Direktionsrat Tischler von OeNB lobt im Gespräch mit "praktiker" die Bereitschaft der österreichischen Geldinstitute, im Zusammenhang mit der Elektronischen Geldbörse zusammenzuarbeiten. Beispielsweise in Deutschland werden pro Bankomat-Abbuchung bei einem fremden Geldinstitut 10 DM als Spesen berechnet, weshalb dieses System dort vorläufig kaum realisierbar erscheint.

Dr. Trcka von Europay Austria peilt an, dass in Österreich 15% der Umsätze im Handel künftig elektronisch abgewickelt werden.


FAKTEN ZUM THEMA:

Die neue Eurocheque-Karte

Grundsätzlich gilt bei allen elektronischen Geldtransaktionen: Wenn das Konto betroffen ist, muss ein Code eingegeben werden, wenn nicht - wie beim Bezahlen mit der Elektronischen Geldbörse -, dann ist keine Code-Eingabe erforderlich. Da beim Aufladen der Elektronischen Geldbörse das eigene Bankkonto betroffen ist, von dem das Geld letztlich abgebucht werden soll, ist die Eingabe eines Codes erforderlichh.

Mit der neuen Eurocheque-Karte mit Chip stehen folgende Funktionen zur Verfügung:


FAKTEN ZUM THEMA:

Beteiligte am Zahlungsverkehr

An der Zahlungsabwicklung über die Elektronische Geldbörse sind folgende Stellen beteiligt:


FAKTEN ZUM THEMA:

Sicherheit im Chip

Ein sensibler Punkt bei der Elektronischen Geldbörse ist freilich die Datensicherheit. Sie beginnt bereits bei der Produktion, wo die Chips mit einem Transportcode versehen werden.

Der Transportcode ist nur dem rechtmäßigen Empfänger bekannt. Erst über Eingabe des Transportcodes können die verschiedenen Funktionen des Chips aktiviert werden.

Angriffe auf die Sicherheit von Chipkarten-ICs lassen sich in drei Kategorien unterteilen:

Aus der Sicht des Halbleiterherstellers ergeben sich folgende Sicherheitsstufen:

Die Sicherheitsleistung des Controllers beruht auf folgenden Eigenschaften:

Höchste Sicherheit ist mit Crypto-Controllern realisierbar. Alle Controller-Sicherheitseigenschaften der vorherigen Stufen sind auch beim Crypto-Controller verfügbar. Hinzu kommt ein Crypto-Coprocessor, der höchste Sicherheit durch schnelles Abarbeiten asymmetrischer On-chip-Sicherheitsalgorithmen ermöglicht.


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