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EDITORIAL

aus Heft Nr. 9 / 1999


Spielsachen - richtig "verkaufen"

Der typische Praktiker will am liebsten alles Neue sofort haben. Er wartet für den Start einen Zeitpunkt ab, zu dem das gute Stück ohne allzu großen Protest in der Familie - es gibt ja immer Wichtigeres - unauffällig gekauft werden kann. Damit hat er das als Erster und ist deswegen auch entsprechend stolz, den allermeisten anderen einen Schritt voraus zu sein.

Es ist mitunter nicht ganz einfach, Grünes Licht für die Anschaffung des so heiß begehrten Stückes zu bekommen. In Wirklichkeit bräuchte man das freilich nicht. Aber wenn die positive Einstellung in der Umgebung da ist - jener Umgebung, die aus dem selben Finanz-Topf bedient wird - hat man einfach mehr Spaß daran. Folgendes Ablaufmuster ist daher häufig:

Wenn aber die positive Stimmung auch nach allen Regeln der Kunst nicht herzustellen ist, hilft nur noch Hardcore: Einfach kaufen. Zuerst hantiert man mit dem guten Stück eher weniger auffällig. Dann wird es irgendwo hingelegt. So, dass es nicht versteckt ausschaut und dass es leicht zu entdecken ist. "Ah, hast du dir das jetzt doch gekauft?" - "Nein, hatten wir doch so besprochen. Ich konnte mir das für ein paar Tage ausborgen."

Einige Wochen später - wenn es schon verdächtig lange ausgeborgt ist - "Hat mir der dann so günstig angeboten weil er in Wirklichkeit eh nichts damit anfangen kann, da habe ich es gekauft. - Habe ich das nicht eh erzählt?". "Getauscht" statt "gekauft" kommt mitunter noch besser an.

Aber wichtig: nicht nennenswert teuer. Manche spielen daher einfach von vornherein den wahren Wert herunter und ersparen sich damit jegliche Gelegenheit zu Diskussionen.

Ein Onkel von mir hat dies - bis die Täuschung nun vor einiger Zeit aufgedeckt wurde - zur Perfektion getrieben. Ohne aber jemals gesagt zu haben, es wäre billig gewesen. Als leidenschaftlicher Fotograf, der sich heftig durch einschlägige Literatur arbeitet, hat er sich freilich auch eine Kameraausrüstung kaufen "müssen". Im Prinzip gab es damals - begonnen hat das vor rund 40 Jahren - nur Leicas, wenn es wirklich perfekt sein sollte. Die würfelt man nicht gerade aus Kaugummi-Automaten.

In den Augen meiner Tante waren Leicas ganz normale Kameras, die halt vielleicht ein bisschen schöner ausschauen als andere und vielleicht nicht einmal das. Obwohl ein großer Sparefroh - wenngleich nicht so sehr bei den eigenen Spielsachen -, hat er eine "unwiderlegbare" Bestätigung dieser Annahme hingelegt. Einem ihm besonders sympathischen Mitarbeiter schenkte er seine Leica. Damit war irgendwie klar: Ein Vermögen wird die schon nicht kosten. Und damit war auch der Weg frei für die Anschaffung einer umfangreichen Ausrüstung. Die alte Kamera war ja nicht mehr da.

Nun, die ganze Ausrüstung hat letztlich - wie wir uns alle vorstellen können - so viel wie ein ausgesprochen gut ausgestatteter Kleinwagen gekostet.

Der kleine - nie direkt ausgesprochene - Schwindel ist dann letztlich dadurch aufgeflogen, als die Frau jenes Freundes der Familie, der immer mit meinem Onkel gemeinsam Badezimmer in temporäre Dunkelkammern verwandelt hatte, damit geprahlt hatte, wie wertvoll die Kameraausrüstung ihres Mannes wäre. Der hatte halt auch eine Leicaflex. Und lesen kann meine Tante freilich schon ganz gut.

Argumente gegen angeblich zu teure Schmuckstücke waren danach für eine Zeit lang ziemlich aussichtslos und wurden daher auch unterlassen.

Derselbe Onkel hatte früher auch eine Vorliebe für seine Autos, die vorerst ganz normale Serienfahrzeuge waren und nach jedem "Service" ein bisschen mehr aufgemotzt waren mit größerem Hubraum, kürzeren Zylinderköpfen etc. Meine Tante war immer beeindruckt, wie stark sich die Wahl immer besserer Zündkerzen auf die Fahrleistung ausgewirkt hatte. Und die dröhnende Auspuff-Anlage war vermutlich auch nur ein kleines Loch im Auspuffrohr. Das hatte er aber dann selbst einmal erzählt.

Vielleicht ist es ja letztlich doch nicht so lustig, wenn die anderen nicht wissen, was für feine Sachen - und gute Ideen - man hat.

Bis zum nächsten Mal,

Ihr

Felix Wessely


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