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EDITORIAL

aus Heft Nr. 8 / 1998


Die Kraft der Enthaltsamkeit

Mit der kalten Jahreszeit kommen auch wieder jene langen Abende, an denen man sich gerne mit dem Aufarbeiten von während des Jahres gesammelten Materials beschäftigt. Besonders die Videofilmer, die dann die Ruhe finden, ihre Aufnahmen zu Filmen zusammenzustellen.

In der vorliegenden Ausgabe stellen wir - passend zur Saison - zwei besonders preisgünstige Videoschnittsysteme vor. Trotz verhältnismäßig niedrigen Preises bieten die ein derartiges Füllhorn an Effekte-Zauber, dass es umso wichtiger wird, diesen nicht wahllos einzusetzen.

Die modernen Videoschnittsysteme bieten heute mehr Möglichkeiten, als professionellen Videofilmern noch vor ein paar Jahren - bei ungleich komplizierterer Bedienung und 100- bis 300fach höherem Anschaffungspreis - zur Verfügung gestanden hatten. Dieser Satz - nicht ganz neu - bezog sich vor drei Jahren noch auf Systeme, die rund 30.000 Schilling gekostet hatten. Jetzt sind es schon weniger als 5000 Schilling. Bei weitaus besserer Leistung, wohlgemerkt.

Die Hersteller dieser Systeme bauen freilich nur die Geräte und versuchen, dem Anwender so viele Effektmöglichkeiten wie möglich bei möglichst simpler Bedienung an die Hand zu geben. Die Hersteller von Hardware und Software können freilich nicht mehr als dies tun. Den Film muss der Filmer selbst schneiden.

Und dabei sollte man sich gerade bei den Effekten auf das Allernotwendigste beschränken. Schauen Sie sich einmal einen guten Film an. In diesem gibt es fast immer nur harte Schnitte. Nur in billigen Produktionen gibt es Effekte en masse. Ausnahme ist freilich, wenn Sie ausdrücklich einen effektbeladenen Film machen wollen. Wie beispielsweise einen Musik-Videoclip.

Sie lenken mit den Effekten in der Regel mehr vom Inhalt ab, als dass er verstärkt würde.

Billy Wilder hat einmal gesagt: "Wenn jemand sagt, die Kameraführung ist gut, war sie schlecht." Und führt dazu als Beispiel an: "Kein Mensch sieht einen Raum aus der Perspektive des Kamins." Also: Wenn der Zuschauer merkt, dass eine Kamera da war, wurde zu viel herumgeblödelt damit. Wenn Ihnen also jemand sagt, dass Ihre Effekte so toll sind, haben Sie es damit eindeutig übertrieben.

Nutzen Sie also die phantastischen technischen Möglichkeiten um sich die Arbeit zu erleichtern. Ein Videoschnitt am Computerbildschirm ist etwas, wovon Heerscharen von Regisseuren und Cuttern noch vor einigen Jahren sehnlich geträumt hatten. Lassen Sie die phantastischen Möglichkeiten am Anfang beiseite, nutzen Sie nur den Komfort, um einen hart geschnittenen Film zusammenzustellen.

Die stärkste Wirkung ist immer die Auslassung. Kennen Sie das: Bildschirm schwarz. Langsam wird irgend ein betont monotoner Hintergrund-Ton eingeblendet. Beispielsweise ein Telefongespräch mit einer ruhigen, trockenen Stimme. Der Bildschirm ist noch immer schwarz. Es folgen nach und nach die Titel. Schrift weiß auf schwarz. Dazwischen immer nur schwarz. Nach rund einer halben bis ganzen Minute wird langsam das Bild eingeblendet.

Dazu braucht man technisch gesehen nicht viel. Aber Timing und Auswahl des Materials müssen perfekt sein. Mit einem bunten Trallala mit tanzenden Titelschriften oder ähnlichem Unfug wird eine solche Wirkung niemals erzielt werden können. - Nur ein Beispiel.

Wenn der Zuschauer nur noch vom Inhalt Ihres Filmes und nicht von der Technik spricht, dann haben Sie gewonnen. Dann haben Sie einen Film gemacht und nicht eine Demo der Effektmöglichkeiten Ihrer Ausrüstung. Und damit haben Sie sich die Möglichkeiten der Technik perfekt zunutze gemacht.

Bis zum nächsten Mal,

Ihr

Felix Wessely


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